Das Jahr der Canon EOS 5D Mark II

Vor einem guten Jahr wurde die 5D Mark II von Canon der Öffentlichkeit präsentiert. Kurz nachdem Nikon mit der D90 die erste videofähige Spiegelreflexkamera vorstellte, überraschte Canon mit einer Kamera, deren Videomodus wesentlich ausgereifter war. Im zurückliegenden Jahr ist einiges passiert, doch die 5D Mark II hat ihren Platz behauptet. Ein zweiter Blick auf ein Erfolgsmodell.

Ein wenig Geschichte

Photographen hatten es schon immer leichter als Filmleute. Das ist verständlich, wenn man sich vor Augen führt, daß die Filmkamera 24 oder mehr Bilder pro Sekunde aufnehmen muß, während man als Photograph je nach Situation einmal alle 5 Minuten ein Bild macht. Entsprechend mehr Film muß entwickelt werden, entsprechend schwerer sind die Filmkameras, dazu unerschwinglich in der Anschaffung und im Betrieb. Um Kosten und Geräteabmessungen zu reduzieren, verkleinerte man das Filmformat von 35mm erst auf 16, dann auf 8mm. Mit dem Schrumpfen der Bildfläche wurde das Korn störender und die Schärfentiefe stieg. Als digitale Sensoren später den Platz des chemischen Films einnahmen, verkleinerten die Kamerahersteller die Sensorfläche weiter, die Geräte konnten noch kleiner und billiger gebaut werden. Mit Hilfe einer geringen Schärfentiefe eine Person vom Hintergrund lösen konnte man mit diesen Sensoren nicht mehr.


[Sensorgrößen von digitalen Videokameras im Vergleich]


Nicht nur preiswerte Amateurkameras waren davon betroffen, auch die Modelle im Preisbereich von 3000 bis 9000 EUR hatten keine größeren Sensoren zu bieten. Als Videoamateur mußte man sich mit der großen Schärfentiefe abfinden und auf andere Gestaltungsmittel ausweichen.

Photographische Kompaktkameras können schon lange auch Videos aufnehmen, neuere Exemplare auch in hohen Auflösungen. Als im Jahr 2008 Nikon und Canon diese Fähigkeit in ihre SLRs einbauten, waren sie damit spät dran.

Worin lag die Revolution?

Viele Leute fragten sich damals (und teilweise noch heute), was ein Videomodus überhaupt in einer (professionellen) Photokamera zu suchen hat. Für ausschließlich an Standbildern Interessierte hat er tatsächlich keine Bedeutung. Für Videoamateure handelte es sich allerdings um eine Offenbarung. Zum ersten Mal konnten sie alle gestalterischen Möglichkeiten nutzen, die sie für den Rest ihres Lebens unerreichbar fern in den Händen weniger Hollywood-Kameraleute wähnten.


[Trennung des Motivs vom Hintergrund mit geringer Schärfentiefe – mit einer hohen Schärfentiefe wären auch die Bäume im Hintergrund noch erkennbar und würden den Blick vom Motiv ablenken]

Die beiden Erstgeborenen

Im August 2008 gelang Nikon wenige Wochen vor Canon die Vorstellung der ersten Video-SLR, der Nikon D90. Nikon führte die Videofunktion in der gehobenen Amateurklasse ein, Canon in der Profiklasse, die 5D Mark II kostete mehr als doppelt soviel wie die D90.

Kann man von einer teuren Kamera ausgereiftere Funktionen erwarten als von einer preiswerten? Oder ist es gerechtfertigt, die beiden ersten Implementierungen einer Videofunktion in SLRs direkt miteinander zu vergleichen? Wie dem auch sei, Canons Variante war der D90 in allen Punkten überlegen. So sehr überlegen, daß einige Photographen mit Nikon-Ausrüstung sich die 5D Mark II als reine Videokamera kauften und sie mit einem Adapter an ihre Nikkore schraubten.


[Canons Sprößling neben Nikons erster VideoSLR]

Die 5D Mark II wird entdeckt

Da die 5D Mark II in erster Linie eine Photokamera ist, mußte sie von Videographen erst einmal entdeckt werden. Einen großen Beitrag leistete dabei das Video Reverie von Vincent Laforet, welches mit einem Prototypen gedreht und bereits kurz nach der Vorstellung der Kamera gezeigt wurde.
Danach kamen Videos von Dan Chung („One night in Beijing„), Philip Bloom („Sofia’s People„) und auch die ersten Hochzeitsvideos.

Daß es immer noch mehr auf den Kameramann und den Rest der Truppe hinter und vor der Kamera ankommt, als auf die Technik, sieht man schön an diesem Musikvideo, welches mit Nikons D90 entstand.

Allüren der Diva

Der Videomodus der 5D Mark II polarisierte die Internetgemeinde. Die einen waren begeistert ob der neuen Möglichkeiten, der geringen Schärfentiefe, der Wechselobjektive; die anderen taten den Videomodus als überflüssige Spielerei ab. An welcher anderen „Videokamera“ im Preisbereich von 2000 EUR konnte man so wenig selbst einstellen? Empfindlichkeit, Blende, Belichtungszeit – alles mußte man der Automatik überlassen. Welche andere Kamera hatte mit dem eingebauten Mikrophon eine so schlechte Qualität – und keine manuelle Aussteuerung? Welche andere Videokamera ließ sich dermaßen schlecht halten?

Auch die Videoaufnahmen waren nicht ohne Fehl und Tadel – bei sich horizontal schnell bewegenden Objekten (oder Schwenks) wurden gerade Kanten plötzlich schief, es gab Artefakte an leicht schrägen Linien im Bild – mehr über die Schwächen ist hier nachzulesen.

Hauptsächlich störte aber die Belichtungsautomatik. Über Lösungen mit Adaptern konnte man wenigstens die Blende kontrollieren, daneben kursierten abenteuerliche Tips zum Entriegeln des Objektivs im Netz. Die meisten behalfen sich außerdem mit dem Drücken der Sterntaste, welche die aktuell gemessene Belichtung für den Rest der Aufnahme speicherte.

Die Zähmung

Die Kritik an Canon muß allerdings so massiv gewesen sein, daß sich die Firma entschloß, eine neue Firmware mit manuellen Einstellmöglichkeiten herauszubringen. Zwar blieb es bei der für Europäer ungewöhnlichen Bildrate von 30 Bildern/s, dafür ließen sich nun alle Belichtungsparameter ändern, was auch Problemen mit dem Flimmern unter Kunstlicht ein Ende bereitete.

Mit dieser neuen Firmware hatte sich die Kamera endgültig ihren Status als professionelles Werkzeug verdient.

In der Praxis

Andere Einschränkungen für den Videobetrieb ließen sich naturgemäß nicht so leicht beseitigen – die Handhabung wurde mittlerweile von Drittfirmen mit Hilfe von speziellen Videohalterungen verbessert und es gibt sogar Audio-Adapter mit XLR-Anschlüssen zum Darunterschrauben.

Das „Magic Lantern“-Projekt hat die Firmware der 5D Mark II (unter anderem) um eine manuelle Audio-Aussteuerung erweitert.

Die Videos

Habe ich schon etwas über die Videos gesagt, die aus der Kamera kommen? Umwerfend. Aber gerade in diesem Fall sagen Bilder wohl mehr als Worte, also empfehle ich, das kaum bearbeitete Video „Thinking Of Now“ in der höchsten Auflösung zu laden und sich dann anzusehen.


[…und die technische Qualität könnte mit dem ProRes-Codec sogar noch etwas besser sein, Final Cut Express unterstützt nur AIC]

Neue Stars?

Nachdem Canon im September die 7D mit flexiblerem Videomodus vorgestellt hat und im Oktober die 1D Mark IV mit höherer Empfindlichkeit, gibt es nur noch ein Alleinstellungsmerkmal für die 5D Mark II – den Vollformatsensor. Doch auch die Vorreiterin der Video-SLRs wird im nächsten Jahr noch dazulernen und wohl noch eine Weile die Lieblingskamera vieler Filmschaffender bleiben.


 
 
 

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