Magic Lantern auf der Canon 550D und 600D

Magic Lantern heißt eine Firmware-Erweiterung für viele videofähige Spiegelreflexkameras von Canon, darunter die 550D und die 600D. Sie erweitert die Fähigkeiten der Kameras um manuelle Tonaussteuerung, Audio-Level während der Aufnahme, Zebra, Peaking, False Color und viele weitere nützliche Funktionen.



Magic Lantern (ML) wurde von engagierten Freiwilligen ohne die Hilfe von Canon relativ fix nach dem Erscheinen der 5D Mark II programmiert und mittlerweile für weitere Kameras angepaßt. Sie läuft auf 5D Mark II, 50D, 500D, 550D, 60D und 600D. Für die 7D gibt es keine ML-Variante, da Canon die Kamera zu sehr verdongelt hat.

Die Firmware-Erweiterung befindet sich auf der eingelegten Speicherkarte und wird beim Einschalten der Kamera nach dem Laden der normalen Firmware ausgeführt. Die Canon-Firmware wird durch ML nicht verändert. Nimmt man die Speicherkarte heraus und legt eine Karte ohne ML ein, funktioniert die Kamera wie vorher.

Was kann Magic Lantern?

Audio:

  • Abschalten der automatischen Tonaussteuerung und manuelle Änderung des Pegels (auch während des Filmens)
  • Audiolevel während der Aufnahme sichtbar, verschiedene Farben
  • Wahl des Audioeingangs: intern, extern stereo, intern + extern mono, extern mono balanced
  • Kopfhörer über ein modifiziertes Kabel über die USB-Buchse anschließbar


[Im Audio-Menü lassen sich analoge und digitale Verstärkung einzeln regeln und die vielfältigen Eingänge konfigurieren.]

(In Version 0.21 von ML gibt es für die 600D noch keine Audio-Einstellungen bis auf die Audiolevel, das Menü oben sieht man also bisher so nur auf der 550D.)

Belichtungshilfen:

  • Zebra (verschiedene Farben, auch während der Aufnahme)
  • False Color in verschiedenen Farbpaletten
  • Histogramm (Helligkeit oder RGB, auch während der Aufnahme)
  • Spotmeter in der Bildschirmmitte mit genauer Anzeige der Helligkeit


[Das LiveV-Menü mit Zebras, Spotmeter, False Color und Histogramm.]

Fokussierhilfen:

  • Fokus-Peaking
  • Ausschnittsvergrößerung bei der Aufnahme
  • Fokusfalle
  • Follow-Focus einstellbar und mit AF-Objektiven abfahrbar
  • Photo-Modus: Fokus-Stacking programmierbar

Aufnahmehilfen:

  • „Movie-Restart“: bricht die Aufnahme nach 4 GB (rund 12 Minuten) ab, wird sie automatisch neu gestartet (mit wenigen Sekunden Pause zwischen den Aufnahmen)
  • Änderung der Video-Bitrate
  • Logging von Metadaten (Objektiv, Blende, …)
  • Cropmarks: es können verschiedene Ausschnitte eingeblendet werden, zum Beispiel für „action-safe“ und „title-safe“-Bereiche
  • Auslösen von Photo- und Filmaufnahmen durch Geräusche oder den Sensor unter dem Okular
  • Bulb-Timer bis zu 8 Stunden
  • Blitz-Leistungsänderung von -10 bis +3
  • Kontrolle der ISO-Empfindlichkeit in 1/8-Stufen


[Bis ins Detail kann man auch die Aufnahme konfigurieren, praktisch zum Beispiel „MovieModeRemap“, mit der sich auf dem Einstellrad der Movie-Mode mit A-DEP tauschen läßt.]

Installation

Vorgehen:

1. Sorgen Sie dafür, daß die richtige Canon-Firmware auf der Kamera installiert ist. ML arbeitet nicht mit allen Firmware-Versionen zusammen. Jede ML-Version ist auf eine bestimmte Firmware-Version angepaßt.

2. Laden Sie die Variante für Ihre Kamera von den Magic-Lantern-Seiten

Dort befindet sich auch die Installationsanleitung. Befolgen Sie diese genau – auch wenn bisher kaum Schäden an Kameras aufgetreten sind, verändern Sie doch mit ML die Art, wie Ihre Kamera arbeitet (und natürlich lehnen die Macher von ML jede Haftung ab).

Der Autor hat ML auf einer 550D und 600D installiert und alles ist glatt gelaufen.

Es handelt sich hierbei um fortwährend und schnell weiterentwickelte Software, weshalb hier keine genaue Installationsanleitung gegeben werden kann – sie wäre vielleicht in ein paar Wochen oder Monaten schon veraltet. Die Art der Installation allein wurde innerhalb von einem Monat umgekrempelt und stark vereinfacht.

Grundlegend funktioniert die Installation jedoch so:

– Das „BOOTDISK“-Flag im NVRAM der Kamera wird gesetzt, was die Kamera anweist, beim Start auf der Speicherkarte nach Firmware-Erweiterungen zu suchen.
– Die Speicherkarte wird bootfähig gemacht. Dies erledigen aktuelle Versionen von ML automatisch beim Setzen des Bootflags mit, man kann dies aber auch am Computer mit graphischen Programmen für Mac OS X und Windows oder auf der Kommandozeile unter Linux und Mac OS X tun.

Bei der Version 0.21 von ML klappte es folgendermaßen:

3. Vorbereiten der Speicherkarte

Die Karte wird in der Kamera formatiert, in den Computer gesteckt und der Inhalt des entpackten ML-Ordners wird auf die Karte kopiert.

4. Vorbereiten der Kamera & Speicherkarte in der Kamera

Die Karte wird zurück in die Kamera gesteckt und der Firmware-Update-Prozeß gestartet. Nach kurzem Warten teilt einem ein Textbildschirm mit, daß das Bootflag erfolgreich gesetzt wurde und man die Kamera „neu starten“ soll (also ausschalten und wieder einschalten).

Das war’s schon. Magic Lantern ist mit dieser Karte nutzbar und wird beim nächsten Einschalten geladen.

Soll ML einmal nicht genutzt werden, reicht es aus, beim Einschalten der Kamera den Auslöser halb durchgedrückt zu halten. Alternativ legt man einfach eine Karte ein, auf der sich kein ML befindet.

ACHTUNG: Wird die Karte nicht formatiert, sondern wird nur die „autoexec.bin“ auf der Karte gelöscht (und die Karte ist noch bootfähig), gerät die Kamera beim Booten in eine Endlosschleife (da sie die Datei nicht finden kann) und der Akku muß (möglichst schnell, die Kamera kann sonst überhitzen) entfernt werden.

Schritte 3 und 4 müssen für jede Speicherkarte, mit der ML benutzt werden soll, ausgeführt werden. Dabei wird jedesmal das Bootflag der Kamera neu gesetzt, was aber nicht schlimm ist. Alternativ kann die Karte am Computer bootfähig gemacht werden.

Wird eine mit ML bootfähig gemachte Karte formatiert, sind ML und das Bootflag gelöscht und die Kamera funktioniert wie im Auslieferungszustand.

Nutzung von Magic Lantern

Das Menü von ML wird nicht wie üblich über die „Menü“-Taste aufgerufen, sondern über „Erase“ (mit dem Papierkorb-Icon). Es kann jederzeit aufgerufen werden, mit erneutem Druck auf „Erase“ verschwindet es wieder. Einstellungen werden automatisch gespeichert (und auf der Speicherkarte in der Datei „magic.cfg“ abgelegt).

Wichtige Tastenkombinationen:

Blitz-Taste (vorne links neben dem Sucher): kurzer Druck schaltet „False Color“ ein oder aus
Blitz + Auf/Ab: Audio-Verstärkung erhöhen oder senken
Blitz + Links/Rechts: ISO-Empfindlichkeit erhöhen oder senken

Okular-Sensor (nur bei der 550D, die 600D hat keinen Sensor mehr): (ja, der Sensor unter dem Okular, welcher normalerweise das LCD abschaltet, wenn man mit dem Auge durch den Sucher guckt, kann als Shift-Taste genutzt werden, wenn man einen Finger davorhält und gleichzeitig eine weitere Taste drückt)
Sensor + Auf/Ab: LCD-Beleuchtung heller/dunkler
Sensor + Links/Rechts: Farbtemperatur in Kelvin ändern
Sensor + Zoom-In (die Taste oben rechts auf der Rückseite der Kamera): „Magic Zoom“ aktivieren

Nützliche Anzeigen

Ich finde vor allem diese Anzeigen nützlich:

dauerhaft aktiviert:

  • Audiolevel (bereits zu Beginn aktiv)
  • Spotmeter (bereits zu Beginn aktiv)
  • Zebra mit Über- und Unterbelichtungswarnung
  • Helligkeits-Histogramm

manchmal aktiviert:

  • False Color mit der Schwarzweiß-Palette (auch gut, um die Wirkung in Schwarzweiß zu beurteilen, wenn man einen Schwarzweißfilm drehen will)
  • Magic Zoom
  • Clear Screen (um die ganzen Anzeigen kurz loszuwerden und einen Blick auf die Szene zu haben)
  • Focus Peaking


[Das Bild vor der Aufnahme mit Canon- und zusätzlichen ML-Anzeigen: Ganz oben die Uhrzeit, verfügbarer Speicherplatz und andere Daten, darunter die Audio-Level. Der Bereich über und unter dem Bild ist durch ML-Cropmarks schwarz und nicht mehr semitransparent. Links und unten sind die normalen Canon-Anzeigen. Oben rechts eingeblendet ist nicht Canons, sondern das kleinere ML-Histogramm. Ganz in der Mitte die Spot-Belichtungsmessung mit Helligkeitsangabe in Prozent. Die rot gestrichelten Bereiche (über dem Maulwurf) sind überbelichtet, die blau gestrichelten (im Fell des Maulwurfs) sind unterbelichtet (dargestellt durch die Zebra-Funktion von ML). Alle Anzeigen von Magic Lantern sind auch bei der Aufnahme sichtbar.]

Fazit

Die Nutzung von Magic Lantern ist nicht ganz trivial, da man die Erweiterung auf allen SD-Karten installieren muß, die man benutzen möchte und man die Karte nicht mehr (wie gewohnt) in der Kamera formatieren kann (ohne ML dadurch loszuwerden). ML fühlt sich ab und an schon wie ein „Aufsatz“ an (Redraw-Probleme auf dem LCD, Flackern der Anzeigen, manchmal ein paar Sekunden Wartezeit bis die Anzeigen korrekt sind, mit manchen Funktionen ist die Kamera überfordert und die Anzeige ist langsam).
Trotz dieser kleinen Einschränkungen (von denen manche durch sinnvolle und sparsame Konfiguration gemildert werden können) ist ML ein wertvolles Werkzeug für jeden Filmemacher. Man könnte sagen, daß die (unterstützten) Canon-Video-SLRs durch ML einen weiteren Schritt in Richtung Profi-Werkzeug tun. Der Dank der Filmschaffenden ist den Autoren dieser Erweiterung sicher, wer dies auch finanziell ausdrücken möchte, kann ihnen eine Spende zukommen lassen.


 
 
 

8 Kommentare zu “Magic Lantern auf der Canon 550D und 600D”

  1. ML
    9. Oktober 2011 um 00:41

    Sehr schõnes Zusatzprogramm. Tolle Beschreibung!

    Und ein cooles Kürbisfoto! ^^

  2. olaf hermuth
    15. Dezember 2011 um 18:49

    Ein wirklich super geiles Tool.
    Meine Hochachtung !!!!!!

  3. Tom
    11. Februar 2012 um 21:02

    Tolles Tool mit vielen Erweiterunge. Lediglich der kontunierliche AF bei meiner 600D funzt nicht, der Menüeintrag ist nicht bei MOVIE sichtbar, egal was ich einstell ?

  4. Marc
    17. März 2012 um 21:16

    Hallo Tom,

    genau das Problem habe ich auch. Bei meiner D600 sieht das Menue etwas anders aus. Es fehlen einige Einstellmöglichkeiten. Finde aber nichts dazu im Netz. Auch wenn Google mein Freund ist ;-)

  5. Erik
    19. April 2012 um 21:32

    Hallo, Ich habe das Problem mit Magic Lantern, dass ich den Autofokus im Videomodus nicht mehr deaktivieren kann. Das ist besonders deshalb nervend, weil er geräusche macht und man Künstlerisch vielleicht doch einmal absichtlich den Autofokus deaktiviert haben möchte.

    Ich muss sagen, dass mich das schon sehr stört. Die anderen Features von Magic Lantern sind aber über jeden Zweifel erhaben und haben die Kamera sowas von Aufgetunt, dass ich die Full HD Semi-Professionell Kameras aus der Uni wegschmeißen kann.

  6. Alexander
    19. April 2012 um 22:41

    Hi Erik,

    Sollte man nicht den AF durch den entsprechenden Schalter am Objektiv ausschalten können?

    Grüße, Alexander

  7. Schröder
    12. Mai 2012 um 17:34

    Danke,

    Du bist der Einzige der einem neuen User mal mitteilt, dass man mit dem Mülleimer-Symbol die Einstellungen vornehmen kann.

    Man googlet-sich zu Tode und findet nichts.

    Nur bei Dir hat es geklappt.

  8. Anonymous
    28. Oktober 2015 um 13:50

    […] […]

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